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Vom Kap bis zum Krüger - Teil 4: Waterfront und Kirstenbosch

Ein Reisebericht von Erwin Göstl:

Vom Company’s Garden aus machen wir uns auf den Weg zurück zu unserem Auto. Zwischen dem Planetarium und dem italienischen Generalkonsulat hindurch erreichen wir am „Türkischen Dampfbad“ wieder die Long Street, die wir bis zu unserem Prominentenparkplatz entlang schlendern. Hinein ins Auto und Abfahrt in Richtung V&A Waterfront. Allgemeine Übereinstimmung aller Mitreisenden: Wir haben uns mittlerweile etwas zu Essen verdient – denn schließlich sind wir schon seit dem Frühstück unterwegs und wären fast sogar auch noch zu Fuß auf den Tafelberg hochgelatscht.

Die Victoria & Alfred Waterfront entstand als Vergnügungsviertel ab 1990 auf dem Gelände um die historischen Alfred und Victoria Hafenbecken des alten Kapstädter Hafens, die zum Güterumschlag nicht mehr gebraucht wurden. Aus den alten Lagerhallen entstanden Restaurants, Läden, Einkaufszentren, Museen und das sehr sehenswerte Two Oceans Aquarium. Zusätzlich wurden Bürogebäude, Hotels, ein Amphitheater und Parkhäuser errichtet, sowie der Yachthafen ausgebaut. Es werden vielfältige Freizeit- und Unterhaltungsmöglichkeiten angeboten - mit Straßenmusikanten, Schauspielgruppen, Pubs, Restaurants und zwei Hausbrauanlagen, Ausflugsbooten, Hubschrauber-Rundflügen, Souvenir Shops, Galerien und Juwelierläden, Outdoor-Ausstattern und vielem mehr. Mittlerweile rechnen die Betreiber, die südafrikanische Investmentgesellschaft Growthpoint und die staatliche Pensionsgesellschaft Public Investment Corporation (PIC), die Anfang 2011 das Gelände von einer Internationalen Investorengruppe gekauft haben, mit etwa 21 Millionen Besuchern pro Jahr.

Vom Fischrestaurant im oberen Stockwerk haben wir eine wunderbare Aussicht auf das bunte Treiben im Hafen. Meine mediterrane Fischplatte ist vorzüglich, Andreas und Claudia haben King Prawns bestellt... und an die Bestellungen von Reiner, Sylvia, Franziska und Jens kann ich mich nicht mehr wirklich erinnern. Jedenfalls sind alle Mitglieder unserer Tafelrunde von den Künsten des portugiesischen Kochs begeistert, so dass wir rundum zufrieden in Richtung des Kirstenbosch Botanical Gardens weiter fahren können, der von der Innenstadt aus gesehen, auf der Rückseite des Tafelberges liegt.

Wir fahren die Beach Road entlang durch Green Point - mit dem neuen Fußballstadion und dem Winchester Mansions Hotel, das von Nils Heckscher, dem Sohn des deutschen TV-Unterhalters Dieter Thomas Heck, betrieben wird. Ein kurzes Stück durch Sea Point und vorbei am öffentlichen Schwimmbad, das direkt über der wellenumtosten Brandung des Atlantiks gebaut wurde. Von hier aus fahren wir durch die gepflegten Villen-Vororte an der Atlantikküste, wie Bantry Bay, Clifton, Camps Bay, Bakoven. Entlang dem Bergzug der „Zwölf Apostel“ fahren über wir die Küstenstraße mit ihrer einmaligen Aussicht und dem mondänen „Twelve Apostles Hotel“ in Richtung Hout Bay – vorbei an dem Nobel-Vorort Llandadno. Ihren Namen hat die „Holzbucht“ (afrikaans Houtbaai) erhalten, weil sie vor über dreihundert Jahren, inmitten dichter Wälder gelegen, einer der Hauptumschlagplätze für das dringend benötigte Bauholz gewesen war. Den kleinen Fischereihafen lassen wir diesmal rechts liegen und steuern unseren Kleinbus direkt über den Constantia Nek.

Zuvor können wir von der Brücke aus, über den Disa River, einen Blick auf das „Township Imizamo Yethu“ werfen, das hier erst 2002 / 2003 zu entstehen begann. Es dürften eher politische Gründe gewesen sein, welche die damalige ANC-Stadtregierung von Kapstadt, unter Nomaindia Mfeketo dazu bewogen hat, im Verlauf weniger Jahre zehntausende Menschen aus dem früheren Homeland Transkei regelrecht hierher zu karren, ohne zuvor für eine auch nur annähernd ausreichende Infrastruktur oder für Arbeitsmöglichkeiten in der Region zu sorgen. So entstand oberhalb von Hout Bay, mitten im Naturschutzgebiet des Nationalparks eine Elendssiedlung, ohne Versorgungseinrichtungen und ohne jeden Plan für die Entsorgung von Abfällen und Fäkalien.

Erfreulicherweise scheint es nun so, dass die gemeinsamen Anstrengungen der neuen Provinzregierung von Western Cape, unter Hellen Zille und des Stadtrats, die nunmehr beide von der „Democratic Alliance (DA)“ gestellt werden, Früchte tragen. Ein Großteil der äußerst primitiven Holzhütten hat mittlerweile solide gemauerten Häuschen Platz gemacht und Zug um Zug werden Kläranlagen, Wasserleitungen, Wege, Stromversorgung etc. hergestellt. Eines der ererbten Probleme ist hingegen wesentlich schwieriger zu lösen: Es gibt in der Gegend einfach nicht genügend Jobs und die daraus resultierende hohe Kriminalität in der Umgebung der Siedlung macht es nicht leichter, Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.

Durch einen lockeren Pinienwald erreichen wir den Constantia Nek mit dem in Blockhausbauweise errichteten Restaurant-Pub. Hier biegen wir nach links auf den Rhodes Drive. Vorbei an herrschaftlichen Villen, die im schattigen Pinienwald des „Cecilia Forest“ liegen, fahren wir die schmale und kurvige Straße bis Kirstenbosch hinunter.

Die Osthänge des Tafelbergs, insbesondere die Gegend, in der in der sich heutzutage der botanische Garten befindet, wurde bereits in den Jahren ab 1660 für den Einschlag von Bauholz genutzt. Zudem wurde in dieser Gegend eine durchgehende Dornenhecke gepflanzt, die umherziehende Viehdiebe vor Übergriffen auf die Ländereien der Kapkolonie abhalten sollte. Später wurden Teile dieses Gebietes auch als Farmland und für Plantagen genutzt. Aus jener Zeit stammt auch die Bezeichnung Kirstenbosch, benannt nach J. F. Kirsten, einem der Farmverwalter auf diesem Gelände. Im Jahre 1895 schließlich, wurde das gesamte Gelände von Cecil John Rhodes aufgekauft, der zu jener Zeit bereits seit fünf Jahren Premierminister der britischen Kapkolonie war. Er wollte damit eine weitere, kommerzielle Nutzung und die Besiedelung dieses Landstriches verhindern. Drei Jahre später ließ er die berühmte Allee aus ostasiatischen Kampferbäumen pflanzen, in deren Schatten man auch heute noch zu den höher gelegenen Teilen des botanischen Gartens wandern kann. Rhodes vermachte das Kirstenbosch Gelände der Kapregierung, in deren Besitz es nach seinem Tod im Jahr 1902 überging.

Die Geschichte des botanischen Gartens begann, als der Camebridge Professor Henry Harold Welch Pearson 1903 in die Kapkolonie entsandt wurde, um am „South African College“ einen Lehrstuhl für Botanik einzurichten. Pearson untersuchte das Gelände einige Jahre lang auf seine Eignung zur Anlage eines botanischen Gartens. Schließlich wurde Kirstenbosch am 1. Juli 1913 in die Obhut des „South African College“ übergeben und von der Kapregierung mit einem jährlichen Budget von ₤ 1.000 ausgestattet. Da dieser Betrag nicht ausreichte, um neben all den anderen Kosten auch noch einen Direktor zu bezahlen, musste Pearson diese Position unentgeltlich selbst mit übernehmen. Pearson und seine wenigen freiwilligen Helfer standen vor einer gewaltigen Aufgabe, denn das Land war von Unkraut und verwilderten Kulturpflanzen aller Art überwuchert und von Horden verwilderter Schweine bevölkert.

Da das Budget knapp war, musste es durch den Verkauf von Brennholz und Eicheln für Futterzwecke aufgestockt werden. Henry Harold Pearson lebte selbst unter schwierigen Bedingungen für einige Jahre auf dem Gelände. Die ältesten unter seiner Regie angelegten Teile des botanischen Gartens befinden sich in der sogenannten „The Dell“. An den Hängen dieser hufeisenförmigen Senke pflanzten Pearson und seine Getreuen über hundert seltene Palmfarne (Cycadales) aus verschiedenen Gattungen. 1916, nur drei Jahre nach Beginn der Arbeiten, starb der fleißige Mann an Lungenentzündung und wurde in seinem geliebten Garten beigesetzt. Jedoch ist sein Epitaph auch heute noch gültig: "If you seek his monument, just look around."

Der „Kirstenbosch National Botanical Garden“ beherbergt heute einen repräsentativen Querschnitt der Flora des südlichen Afrika – von Baumriesen, wie „Rhodesian Teak“, „Gelhout“, bis zu Raritäten wie der Clanwilliam Zeder, die in Wirklichkeit eine Zypresse ist. Nicht zu vergessen natürlich die Sammlung hunderter verschiedener Arten von Proteen und anderer Vertreter aus dem sogenannten „Cape Floral Kingdom“ – der indigenen Vegetation der Kapregion. Am Osthang des Tafelbergmassivs finden sich auch große Areale mit ursprünglichem Urwald, dessen Biosphärentypus unter der Bezeichnung „Southern Afrotemperate Forest“ zusammengefasst wird (heißt etwa soviel wie „Wald der gemäßigten Zonen des südlichen Afrika“). In der Praxis findet man diese typische Vegetationsform in drei unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, aber darüber müsste man eine eigenes Kapitel schreiben... und vermutlich ein ganzes Buch zur Einführung in die Materie.

Wir jedenfalls gönnen uns in der gemäßigten Zone des Parkrestaurants noch ein Gläschen guten Kapweins und einen kleinen Imbiss. Danach wird noch mal kurz in den botanischen Fachbüchern geblättert, die im Laden des Parks verkauft werden und von hier aus geht es auf schnellsten Weg Richtung Somerset West. Wir haben im Cape Khamai das Abendessen reserviert und nach der Vorspeise wird Roastbeef mit selbstgemachten Straußenei-Nudeln serviert...

Lust auf mehr? Unter der Reihe „Vom Kap bis zum Krüger“ werden demnächst weitere spannende Artikel von Erwin Göstl veröffentlicht.

Fotos: Erwin Göstl, Peter Marek, Charles Wykeham, Thomas Wagner

Bilder: 
Vom Kap bis zum Krüger - Teil 4: Waterfront und Kirstenbosch
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