Vom Kap bis zum Krüger - Teil 3: Kapstadt und City Bowl
Ein Reisebericht von Erwin Göstl:
Das „Dubliner“ ist ein altehrwürdiges Pub mit hohen Räumen in der Long Street, der Seelenachse der City Bowl – der Innenstadt von Kapstadt. Einige meiner Mitwanderer haben das Frühschoppen mit ein paar Tütchen Crisp Chips ergänzt. Und das, obwohl ich allen gesagt habe, dass sie die albernen Chips sein lassen sollen, weil es hier in der Gegend sehr viel bessere Leckereien zu kaufen gibt. Außerdem war es ohnehin an der Zeit, los zu marschieren, denn schließlich wollten wir heute noch etwas sehen. Die Long Street gehen wir ein paar hundert Meter weiter in Richtung Strand Street und dann in die Longmarket Street nach rechts hinunter bis zum Greenmarket Square.
In dem Gewirr der kleinen Gassen mit Verkaufsständen, Straßencafés, Eisdielen, Künstlern und Artisten treffen wir unter anderem auf den „Eiermann“ und noch andere skurrile Erscheinungen. An der Grand Parade, dem Großen Platz vor der City Hall, kaufe ich mir an einem der Verkaufsstände eine Tüte Samosas, ein typisch malaiisches Gebäck mit einer herzhaft gewürzten Füllung aus Hackfleisch. Genau dafür hatte ich mir nämlich im „Dubliner“ die Crisps verkniffen. Und jetzt geschieht genau das, was ich vor einer Dreiviertelstunde im „Dubliner“ vorausgeahnt hatte. Meine Mitwanderer, gesättigt von den Chips, haben alle längst keinen Hunger mehr. So ist es auch ganz logisch, dass es sich keinesfalls lohnen würde, für sich selbst ein Tütchen Samosas zu kaufen. Nur kosten wollen sie – nur einen – dafür aber jeder einen. Letztendlich bleibt mir selbst auch nur noch einer übrig... sei’s drum.
Genau hier in dieser Gegend, zwischen City Hall, Castle of Good Hope und dem Golden Acre Building, schlug im Jahre 1652 die Geburtsstunde Kapstadts. Es geschah, indem die „Vereenigde Oost-Indische Compagnie (VOC)“ Jan van Riebeek an die Tafelbucht entsandte, mit dem Auftrag hier einen festen Versorgungsplatz für ihre Schiffe zu errichten. Wir stehen vor dem Rathaus von Kapstadt, jener besagten City Hall, die im Jahre 1905 unter der Regentschaft König Edwards VII von einem Konsortium aus Architekten und Baufirmen errichtet wurde. Am 11. Februar 1990, nur wenige Stunden nach seiner Entlassung aus dem Victor Verster Gefängnis, hielt Nelson Mandela vom Balkon der City Hall, seine berühmte Rede, in der er das Ende der Apartheid forderte und die Umwandlung Südafrikas, in einen Staat mit gleichen Rechten für alle Bevölkerungsgruppen, ankündigte. Ein Versprechen, das von seinen Nachfolgern mittlerweile in vielerlei Hinsicht konterkariert wurde – doch das ist ein anderes Thema.
Schräg gegenüber der City Hall sehen wir das Castle – das „Kasteel de Goede Hoop“, dessen hölzerner Vorgängerbau, das „Fort de Goede Hoop“, bereits 1652 durch Jan van Riebeek und seine Mitstreiter an etwa der gleichen Stelle errichtet wurde. Natürlich war das eher ein Provisorium, eine Notlösung, die dem Zeitmangel beim Aufbau der notwendigen Infrastruktur für den sich immer mehr ausweitenden Schiffsverkehr um das Kap herum geschuldet war. Die, in einer Mischbauweise aus Holz und Lehm errichteten Gebäude, hielten dem kalten und regnerischen Kapwinter nur bedingt stand.
Zwölf Jahre nach der Errichtung des Forts, im Verlauf des Jahres 1664, entstanden aus Streitigkeiten um den Besitz verschiedener Überseegebiete schwerwiegende Spannungen zwischen den beiden aufstrebenden Kolonialmächten jener Zeit. England und die Niederlande standen am Rande eines Krieges. Die drohende Gefahr eines handstreichartigen Überfalls der britischen Flotte auf ihren Handelsposten am Kap veranlasste die Niederländisch-Ostindische Kompanie dazu, die Verteidigungsanlagen an der Tafelbucht auszubauen und aufzurüsten. VOC Kommissar Jisbrand Goske erteilte van Riebeeks Amtsnachfolger, Gouverneur Zacharius Wagenaer den Auftrag, eine moderne Pentagon-Festungsanlage nach dem Vorbild des französischen Festungsbaumeisters Vauban zu errichten.
Bei Zacharius Wagenaer handelt es sich im Übrigen um jenen 1614 in Dresden geborenen Zacharias Wagner, der in niederländischen Diensten eine erstaunliche Karriere als Schreiber, Zeichner, Kaufmann, Administrator und Inhaber zahlreicher Ehrenämter und Funktionen gemacht hat, wobei er alle Kontinente bereiste und der Nachwelt eine umfangreiche und kostbare Sammlung von Dokumenten, Skizzen und Zeichnungen hinterlassen hat. Zacharias Wagner ist seither der einzige Deutsche geblieben, der jemals das Kap regierte. Das Kastell wurde mit einigen Unterbrechungen zwischen 1666 und 1679 gebaut und besteht aus fünf Bastionen, die nach den Herrschaften und Titeln Wilhelms III. von Oranjen benannt wurden: Leerdam, Buuren, Catzenellenbogen, Nassau und Oranje.
Das „Castle of Good Hope“, das heute unter anderem ein Museum beherbergt, ist das älteste noch im Original erhaltene Bauwerk des südlichen Afrika. Und was man nach den Aufschüttungen durch die vergangenen Jahrhunderte hindurch kaum mehr erahnen kann: Die Wehranlage stand zur Zeit ihrer Errichtung nicht weit entfernt vom Strand, wohin sich auch die ursprüngliche Eingangspforte öffnete. Aber schon 1682 wurde dieser Eingang durch das heutige Tor ersetzt, das im Jahre 1684 mit einem Glockenturm versehen wurde, in dem noch heute die Glocke baumelt, welche 1697 von dem ostfriesischen Glockengießer Claude Fremy in Amsterdam gegossen wurde. Nach der ersten britischen Okkupation, im Jahre 1795, ließ Lady Ann Barnard, die Hausdame des Gouverneurs Earl George Macartney, die Wohnräume der Festung im Stile der englischen Regency renovieren.
Von der Grand Parade aus machen wir uns auf den Weg in Richtung Company’s Gardens – vorbei an der Groote Kerk, der ältesten Kirche des Landes – dem Alten Hochgericht, das zwischenzeitlich auch als Sklaven-Lodge, als Regierungsgebäude und als Kulturhistorisches Museum diente – und der 1834 erbauten, anglikanischen St. Georges Cathedral. Wie der Name schon sagt, geht die Parkanlage – wie so vieles andere in Kapstadt – auf die Niederländisch-Ostindische Kompanie zurück, die ab 1650 an dieser Stelle, zur Versorgung ihrer Bediensteten und der vorbeiziehenden Schiffe, Gärten anlegen ließ.
Heute wird der schön gepflegte Park, mit seinem alten Baumbestand, in den Sommermonaten vom Molteno Damm aus mit Wasser versorgt. Wir schreiten entlang der Government Avenue, zwischen der Nationalbibliothek und dem südafrikanischen Parlament hindurch, sehen links das Tuynhuys und können rechter Hand, durch Bäume und Büsche hindurch, einen Blick auf die Statue Cecil Rhodes erheischen. Das Tuynhuys wurde im Jahre 1700 als Gästehaus der Niederländisch-Ostindischen Kompanie erbaut und beherbergt jetzt den Dienstsitz des Südafrikanischen Präsidenten. Nach vielerlei Umbauten wurde das Gebäude, anlässlich der letzten Renovierung, äußerlich in den Zustand des Jahres 1795 zurückversetzt.
Der Park beherbergt unter anderem den ältesten Birnbaum Südafrikas (etwa 1652), den 1929 angelegten Rosengarten, einen gut bestückten Fischteich und den Dellville Wood Memorial Garden, der an eine Schlacht im Ersten Weltkrieg erinnert. Des weiteren kommen wir an einer Voliere für seltene Vögel vorbei, dem Teegarten-Restaurant, einem Kräuter- und Gewürzgarten, einer Sukkulenten-Anpflanzung, Rasenflächen, Sitzbänken und zwei alten Kanonen, die erst kürzlich von einem Veteranenverein restauriert wurden.
An der Stirnseite der großen Rasenfläche am oberen Ende des Parks sehen wir das Südafrikanische Museum mit Planetarium und vielen naturwissenschaftlichen Exponaten aus den Ländern des südlichen Afrika und aus den angrenzenden Ozeanen. Links, mit Blickrichtung zum Devil’s Peak hin, befindet sich die Südafrikanische Nationalgalerie, die neben ihrer ständigen Ausstellung von Werken des 16. bis hin zum 19. Jahrhundert auch zeitgenössische Kunst in temporären Ausstellungen zugänglich macht. Seitlich und etwas versteckt, unter alten Baumriesen (zwischen dem Naturhistorischen Museum und der Nationalgalerie), liegt das Jüdische Museum mit vielen Exponaten aus dem religiösen und weltlichen Leben der jüdischen Gemeinden in Südafrika und aus den baltischen Ländern, woher ein Großteil der ersten jüdischen Einwanderer Südafrikas stammten.
Wir machen uns jetzt auf den Weg zurück zu unserem Auto, das in der Long Street auf uns wartet.
Fortsetzung folgt…
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