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Vom Kap bis zum Krüger - Teil 2: Kapstadt und der Tafelberg

Ein Reisebericht von Erwin Göstl:

Es ist der 24. Oktober 2010, ein strahlend blauer Morgen, wenngleich ein kühler Wind von der False Bay her ins Tal des Lourens River weht. Als ich um halb sieben Uhr morgens den Frühstücksraum des Cape Khamai Gästehauses erreiche, stelle ich zu meinem Erstaunen fest, dass meine Mitreisenden schon vollzählig versammelt sind. Hervorragend sind das Frühstück und auch die Tatsache, dass wir den Tag besser einteilen können, wenn wir uns nicht all zu spät auf den Weg machen. Im Cape Khamai werfe ich noch einen Blick auf Kurts Computer, der mir die Webcam an der Bergstation der Tafelberg-Seilbahn zeigt – perfekt. Hier ein Tipp, den ich gerne an Kapstadtbesucher weiter gebe: Egal wie viele Tage Sie bei Ihrer Südafrikatour für Kapstadt eingeplant haben und auch unabhängig davon, ob Sie den Tafelberg zu Fuß oder mit der Seilbahn erklimmen wollen – egal ob Sommer oder Winter – wenn die Verhältnisse gut sind, verlieren Sie keine Zeit!

Es ist Sonntagmorgen und kaum Verkehr entlang dem Settlers Way in Richtung Kapstadt. Wir nähern uns dem Tafelberg von der Rückseite her, biegen in Mowbray nach links ab und fahren über die Schulter des Tafelberges dem Groote Schuur Hospital entlang, jener legendären Heilstätte, in der Christiaan Barnard 1967 die weltweit erste Herztransplantation gelang. Ortsteil und Klinikum sind nach der sogenannten „Großen Scheune“ benannt, einer Farm, die holländische Siedler vor über dreihundert Jahren hier errichtet hatten.

Kurz nach neun Uhr erreichen wir die Talstation der Tafelberg-Seilbahn – den „Tafelberg Aerial Cable Way“. Nachdem wir unsere Wanderschuhe mitgenommen haben, stünde einer kernigen Fußwanderung auf das Hochplateau eigentlich nichts im Wege. Allerdings scheint es nun so, dass sich wohl über Nacht eine geheimnisvolle Kniegelenkschwäche meiner Mitreisenden bemächtigt hat. Mit meinem Vorschlag beiße ich auf Granit und nachdem die verhinderten Klettermaxe auch noch sehen, dass heute Morgen kaum Leute an den Ticketschaltern anstehen, scheint das Thema Bergwanderung erledigt. Gestern Abend klangen die Pläne von der Ersteigung des Tafelberges noch ganz anders...

Trotzdem noch ein paar Anmerkungen für Tafelbergbezwinger: Für einen Fußmarsch auf den Tafelberg stehen weit über hundert verschiedene Wander- und Kletterrouten zur Auswahl – von allen Seiten. Die kürzeste führt durch die „Platteklip Gorge“. Der Einstieg ist nur ein paar hundert Meter von der Seilbahnstation entfernt an der Tafelberg Road. Einigermaßen Trainierte brauchen über diese relativ steile Route etwa eine Stunde bis aufs Plateau (und danach noch ein paar Minuten zum Wirtshaus – mit herrlicher Aussicht von Terrasse und Restaurant). Egal, ob Sie nun den Berg hinauf wandern oder mit der Seilbahn fahren, ziehen Sie immer feste Schuhe an. Wenn starker Wind aufkommt, darf die Seilbahn aus Sicherheitsgründen nicht mehr fahren und das kann an einer exponierten Stelle, tausend Meter über dem Atlantik, ganz schnell passieren. Und wo wir gerade bei der exponierten Lage sind: Schützen Sie Ihre Haut vor der intensiven Sonnenstrahlung – auch bei diesigem Wetter!

Die erste Seilbahn auf den Tafelberg wurde 1929 von der Leipziger Firma Bleichert & Co. errichtet. Seither wurde die Tafelbergbahn mehrmals umgebaut und modernisiert – zuletzt in den Neunziger Jahren von der österreichisch-schweizerischen Doppelmayr Garaventa AG. Die neue Pendelbahn ist mit zwei ROTAIR-Kabinen für jeweils 65 Personen ausgestattet, die sich während der Fahrt um die eigene Achse drehen und bis zu 900 Personen in der Stunde befördern können. Auf der eintausendzweihundert Meter langen Strecke zwischen Tal- und Bergstation gibt es keine Stützen. Das Ticket kostet aktuell ca. 18,00 € (Hin- und Rückfahrt).

Der Tafelberg ist Teil eines prähistorischen Gebirgszuges, der vor etwa 430 Millionen Jahren entstanden ist und sich noch heute bis ans Kap der Guten Hoffnung zieht, um an der Kapspitze im Atlantischen Ozean zu „versinken“. Wissenschaftler schätzen, dass der „Hoerikwaggo“, wie die früher hier lebenden San-Buschleute den Tafelberg nannten, den Ozean und die umgebenden Ebenen dereinst um gewaltige fünftausend Meter überragte. Das war natürlich ein paar hundert Millionen Jahre bevor selbst der erste Buschmann den Tafelberg erspähte. Die ersten Europäer, die den Tafelberg von See aus erblickten, waren Bartolomeu Diaz im Jahre 1486 und elf Jahre später sein Landsmann Vasco da Gama. Dem portugiesischen Seefahrer António de Saldanha jedoch war es vorbehalten, im Jahre 1503 als erster Europäer den Berg zu erklimmen und ihm seinen heute noch gebräuchlichen Namen zu geben: „Montanha da Mesa“. Und jener António de Saldanha war es auch, der in der Tafelbucht auf umherziehende Khoi Gruppen traf, die zu jener Zeit die San-Buschleute schon lange als die Herren des Tafelberges verdrängt hatten.

Der Tafelberg ist auch Heimat der einzigartigen Kapvegetation und beherbergt in dieser Eigenschaft mit über 2.200 Arten mehr Spezies als die britischen Inseln. Nicht zuletzt deswegen ist er eine der Kernregionen des Tafelberg Nationalparks, der sich von hier bis an den Kap der Guten Hoffnung erstreckt. Die Tierwelt, die António de Saldanha Anfang des 16. Jahrhunderts um den Tafelberg vorgefunden hatte, dürfte zwischenzeitlich ihre spektakulärsten Vertreter eingebüßt haben. Obwohl der Tafelberg immer noch Lebensraum für Stachelschweine, Mangusten, Klipschliefer, Schlangen, Schildkröten und einer Vielzahl von Vogelarten bietet, wurde dennoch der letzte Tafelberg-Löwe bereits 1802 – zu Napoléons Zeiten – erlegt und der letzte Leopard fand in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das gleiche Schicksal.

Wir jedenfalls hatten Glück und herrliches Wetter – keine Wolke, kein Dunst und klare Sicht bis zur Krümmung der Erdoberfläche. Neben den unberechenbaren Winden ist auch das sogenannte Tischtuch mit dafür verantwortlich, dass man die Gelegenheit zur Tour auf den Tafelberg niemals verschieben sollte. Ein Wetterphänomen, das vor allem in den Sommermonaten auftreten kann. Warme, feuchte Luftmassen strömen vom Indischen Ozean her aus südöstlicher Richtung über den Tafelberg, steigen auf, treffen über dem Plateau auf eine kühle westliche Höhenströmung vom Atlantik her, kondensieren und enden als Fallwinde über den Kanten des Tafelberges. So entsteht jenes typische Bild des Tafelberges, der von einem schneeweißen Tischtuch bedeckt wird, dessen Enden die höher gelegenen Stadteile wie Gardens und Oranjezicht berühren. Vorsicht bei Bergwanderungen – die felsigen Wege und Steige können dabei sehr glitschig werden!

Wieder unten an der Talstation fahren wir die Tafelberg Road talwärts, überqueren den Kloofneck und werfen vom Signal Hill noch einen Blick auf das Greenpoint Stadion, das für die Fußballweltmeisterschaft 2010 neu gebaut wurde. Entlang der Panoramastraße oberhalb der Deutschen Schule, lassen wir uns von der herrlichen Aussicht auf die City Bowl und den Hafen faszinieren und fahren in Richtung Stadtmitte noch einen kleinen Umweg über das Bo-Kaap – das alte Malaienviertel, oberhalb des Hafens. Die ersten Häuser wurden hier bereits in den 1760er Jahren von Malaiischen Handwerkern errichtet, die von der Vereinigten Niederländisch-Ostindischen Kompanie (VOC) mehr oder weniger freiwillig hier angesiedelt wurden. Die meisten der muslimischen Siedler arbeiteten als qualifizierte Schneider, Schuster, Tischler, Zimmerleute und Baumeister für die Niederlassung der Kompanie. Mit ihren typischen, bunten Häusern entlang der schmalen Gassen um die Nurul Islam Moschee, die allerdings erst 1840 erbaut wurde, zählt das Bo-Kaap zu den ältesten Teilen Kapstadts und ist damit wohl auch das älteste Township Südafrikas. Wenngleich diese Bezeichnung im 18. Jahrhundert sicher noch nicht gebräuchlich war und das Bo-Kaap auch nie ein Elendsquartier oder gar ein Slum gewesen ist. Im ältesten, noch im Originalzustand erhaltenen Gebäude aus dem Jahre 1760, befindet sich heute das Bo-Kaap Museum mit vielen Ausstellungsstücken aus dem 18. und 19. Jahrhundert – vor allem Möbel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs kann man dort bewundern.

Am heutigen Sonntag ist es für uns auch nicht schwierig, einen Prominentenparkplatz an der Long Street zu ergattern, so dass wir nur zwei Schritte laufen müssen, um im „Dubliner“ ein wohlverdientes „Kilkenny“ zu genießen. Es gäbe auch „Castle“, „Windhoek Lager“, „Guiness“, „Pilsner Urquell“ und noch viel mehr, was das Herz des Wanderers begehrt und natürlich alles vom Fass.

Und nach dem Frühschoppen geht es weiter in Richtung Company’s Gardens, City Hall und Castle of Good Hope!

Fortsetzung folgt…

Fotos: Erwin Göstl, Ekkehard Maaß, Michael Holz, Charles Wykeham
Bilder: 
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